Sciamachia: Ergebnisse des Workshoptags

Auf Einladung der Gruppe “Cherchez la Femme” waren wir letztes Wochenende mit unserem Workshop “Feministische Praxen in linken Strukturen” in Chemnitz. Gemeinsam mit den Teilnehmenden haben wir anhand von ihren und unseren Erfahrungen Szenarien analysiert, in diesen patriarchale Strukturen/Sexismus aufgedeckt und emanzipatorische Alternativen entwickelt. Im Folgenden wollen wir den Input und einen Teil der Ergebnisse für Interessierte zur Verfügung stellen:

 

Input

Unsere Gesellschaft ist (immer noch) patriarchal. Unter dem Patriarchat wird ein System sozialer Strukturen und Praktiken der Dominanz, Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen* durch Männer* verstanden. Das klingt ziemlich abstrakt, deshalb wollen wir dieser Struktur auf einer grundlegenderen Ebene nachgehen:

Geschlecht ist ein soziales Konstrukt das Menschen in zwei Gruppen einteilt. Damit öffnet bzw. begrenzt es Möglichkeiten und Zugänge zu Ressourcen und gesellschaftlichen Bereichen. 
Daraus ergeben sich asymmetrische, ungleiche Machtbeziehungen, die im Patriarchat einer männliche Dominanz entsprechen. Diese äußert sich in allen Bereichen einer Gesellschaft – sozial, politisch, ökonomisch. 

Geschlecht strukturiert die Gesellschaft also grundlegend und wirkt damit institutionell-strukturell, symbolisch und individuell. Institutionell-struktureller Sexismus drückt sich z.B. in der niedrigeren Entlohnung von Frauen* für die gleiche Lohnarbeit aus und der Aufteilung von Öffentlichkeit und Privatheit, wobei z.B. Kindererziehung als privater Lebensbereich immer noch selbstverständlich weiblich konnotiert ist. Die symbolische Ebene meint stereotype Bilder, die fest in der Gesellschaft verankert sind und als Hintergrundfolie für Denken und Handeln dienen (Frauen sind emotional & fürsorglich, schön, etc….). Individuell sind Menschen dann durch strukturelle Diskriminierung, hier Sexismus, betroffen, wenn sie persönliche Einschränkungen erfahren oder in direktem Kontakt mit anderen Menschen sexistisch herabgewürdigt, kategorisiert oder sogar angegriffen werden.

Dieser Macht- und Herrschaftszusammenhang (Geschlecht) stützt sich unter anderem durch die Sozialisation, d.h. Bildung der Persönlichkeit durch Verinnerlichung gesellschaftlich akzeptierter Normen und Verhaltensweisen durch z.B. Eltern, Schule etc. von klein auf. Dem folgt die Reproduktion, also das Wiederholen und damit Bestätigen geschlechtlicher Zuordnungen und Rollenmuster, also sexistischer, antifeministischer und patriarchaler Denkmuster und Handlungsweisen.

Auch eine linke Szene ist Teil dieser Gesellschaft, in der patriarchale und sexistische, also ausschließende Strukturen tief verankert sind, laufend vermittelt und bestätigt werden. Das heißt wir als Aktivist*innen dieser Szene sind genauso patriarchal sozialisiert und somit nicht frei von den sich daraus ergebenden Zwängen. Nur weil das Patriarchat als Unterdrückungsform, wie auch andere ausschließende Mechanismen, als solches erkannt und seine Wirkmächtigkeit anerkannt wird, sind wir nicht “sicher” davor, diese Zwänge genauso zu reproduzieren und auf andere Menschen anzuwenden.

Deshalb müssen wir über das Verstehen (und Wissen) hinaus gehen und unsere Denk- und Handlungsweisen stetig reflektieren, kritisch hinterfragen und ändern. Das wollen wir tun, indem wir uns mit konkreten Szenarien linker Praxis und Räume beschäftigen und mit dem Anspruch einer feministischen, emanzipatorischen Perspektive Handlungsalternativen entwickeln, die uns und unsere Mitmenschen empowern, bestärken, befähigen. Feministische Perspektiven sind für uns vielseitig. Sie bedeuten eine Durchsetzung von Selbstbestimmung auf allen Ebenen. Dazu ist uns wichtig sich hinterfragen zu lassen und die Kritik in unsere Kämpfe einzuweben. Feministische Praxen ermuntern dazu, sich Räume und Situationen anzueignen und fragend Hegemonien und Selbstverständlichkeiten anzugreifen. Zwischen verschiedenen emanzipatorischen Kämpfen lassen sich Verbindungslinien erkennen. Eine solche Verbindungslinie ist die Erkämpfung von Sichtbarkeiten, Zugängen und Möglichkeiten. Eine andere ist die der Verschiebung von Normen und von Diskursen (vgl. S. 265, Darum Feminismus! 2014, Unrast Verlag). Das heißt für uns auch emanzipatorische Kämpfe nicht getrennt, sondern intersektional, also verstrickt und verwoben zu denken und zu führen.

 

Kriterien, die im Workshop erarbeitet wurden:

  • Aufgabenverteilung / Bewertung von Arbeit
  • Gruppenzusammensetzung 
  • Kommunikation & Redeverhalten
  • Inhalte & Schwerpunktsetzung
  • Wissen und Befindlichkeiten
  • Anspruch/Selbstverständnis vs. Verhalten
  • Betroffenheit & Privilegien
  • Privates/ Politsches

 

Handlungsmöglichkeiten
Bei der Bearbeitung der Szenarien war es teilweise sinnvoll die Handlungsperspektiven dahingehend zu unterscheiden was in akuten Situationen getan werden kann (intervenierend) und wie sie im Vorhinein verhindert werden könnten (präventiv). Grundsätzlich sind wir aber der Meinung, dass feministische Perspektiven nicht nur als Reaktionen auf Scheiße instrumentalisiert werden sollten, sondern immer mitgedacht werden müssen.
Im Folgenden haben wir die Handlungsmöglichkeiten, die wir anhand der konkreten Szenarien im Workshop gemeinsam entwickelt haben, den erarbeiteten Kriterien für eine feministische Praxis zugeordnet. Deshalb können sie teilweise etwas aus dem Kontext gerissen scheinen. Hier gilt natürlich: absolut kein Anspruch auf Vollständigkeit!

Aufgabenverteilung / Bewertung von Arbeit (Lassen sich Selbstverständlichkeiten, Stereotype und Rollenzuschreibungen beobachten?)

  • Selbstreflexion zum Thema Kompetenzen (Stichwort Sozialisation): Was kann ich (nicht)? Warum kann ich etwas (nicht)?  Was will ich lernen? Was brauche ich um gut arbeiten zu können?
  • Transparentmachen: Welche Aufgaben gibt es? Wie werden sie gewertet/gesehen? Wer übernimmt was?
  • ausschließende Strukturen aufbrechen!
  • Wissen teilen: Buddy-System, skill sharing sessions, Strukturen schaffen, in denen mögliche (ansozialisierte) Wissenshierarchien aufgehoben werden können
  • Rotation von Augaben und Verantwortlichkeiten

Gruppenzusammensetzung (…einer Polit-/Orgagruppe als Spiegel der herrschenden Verhältnisse in der Gesamtgesellschaft)

  • Gruppenreflektion: Wie homogen ist die Gruppe und warum? Welche Probleme können sich daraus ergeben? Wie können wir das ändern?  Welches Bild tragen wir nach außen? – Themenschwerpunkte/ Gruppenprozesse checken/ Reflexion regelmäßig wiederholen. 
  • Probleme/ Konflikte benennen, Befindlichkeiten ernst nehmen. Raum dafür schaffen.
  • FLTI*- Plenum/ -runde einfordern oder Extra-Treffen ansetzen
  • Männer*- Reflektionsplenum/ -runde einfordern oder Extra-Treffen ansetzen

Kommunikation & Redeverhalten (Verbale und non-verbale Kommunikation, Dominanzen, Redeanteile im Vergleich, Wie wird geredet? Mit wem wird geredet? Was kann kommuniziert werden, was nicht?)

  • Probleme/ Konflikte bennenen
  • Mechanismen beschließen wie: Pausen, Handzeichen, Rückzugsräume, FLTI* Runden, “is was?” – Runde, Möglichkeit des moderativen Eingereifens
  • Verbündete suchen und gemeinsam handeln
  • auf Einbeziehung aller achten
  • ggf. externe Moderation
  • Verhalten spiegeln/ Gedankenexperiment: Rollen durchspielen, Situationen umdrehen
  • Redeanteile dokumentieren zur Sichtbarmachung

 

Inhalte & Schwerpunktsetzung 

  • Welche Inhalte werden sich vorgenommen? Welche Themen werden priorisiert? Was bedeutet das für ‘unangenehme’ Themen? (z.B. Sexismus in der eigenen Gruppe) Wer spricht was an?
  • Bewusstseinsschaffung für Relevanz von Diskrimierungsformen in eigenen Strukturen (kontinuierliche Selbstabfrage, thematische Schwerpunktsetzung, Vorträge, Workshop,…)

 

Wissen und Befindlichkeiten

  • ausschließende Strukturen thematisieren (Zugang zu Wissen, Sozialisierung, Zeit) und Umgang finden
  • Welches Wissen wird anerkannt? Wird Befindlichkeiten/Bauchgefühlen Raum gegeben und werden sie anerkannt. wie werden unterschiedliche Wissensstände berücksichtigt? wer hat welchen Zugang? 
  • Wissen teilen: Buddy System, skill sharing sessions. Strukturen schaffen, in denen mögliche (ansozialisierte) Wissenshierarchien aufgehoben werden können
  • (Gruppen-) Klausur: Gruppenbefindlichkeiten außerhalb des Plenums besprechen (anderer Ort, lange Zeit, 1 Schwerpunkt
  • Emo Plenum, “Is was?” Runde
  • Selbstreflektion:  (was kann ich (nicht), was will ich lernen, was brauche ich um gut arbeiten zu können etc., wer hat welchen Background)

Anspruch/Selbstverständnis vs. Verhalten (In welchem Verhältnis stehen antisexistischer, feministischer Anspruch und tatsächliches Auftreten, Handeln, Verhalten?)

  • Selbstreflektion: eigene Privilegien, Rolle, Verhalten, Dominanzen, Biografiearbeit,… checken > inwiefern wirkt das ausschließend? 
  • Gruppenreflexion:   Welches Bild tragen wir nach außen? Welches Bild wollen wir nach außen tragen? Was fehlt uns dazu? Wie sezt sich die Gruppe zusammen und welche Probleme können sich daraus ergeben? Wie können wir das ändern?- Themenschwerpunkte/ Gruppenprozesse checken/ Reflexion regelmäßig wiederholen. 
  • Verhalten spiegeln/ Gedankenexperiment: Rollen durchspielen
  • FLTI*- Plenum/ -runde einfordern oder Extra-Treffen ansetzen
  • Männer*- Reflektionsplenum/ -runde einfordern oder Extra-Treffen ansetzen
  • (Gruppen-) Klausur: Gruppenbefindlichkeiten außerhalb des Plenums besprechen (anderer Ort, lange Zeit, 1 Schwerpunkt

Betroffenheit & Privilegien (Gesellschaftliche Positionierung von Menschen in unterschiedlichen Kontexten mitdenken)

  • ausschließende Strukturen thematisieren (Diskriminierung, Sozialisierung,..)
  • Verbündete/ Vertrauenspersonen suchen
  • Solidarisierung
  • Befindlichkeiten nicht relativieren/ kleinreden
  • Betroffene als Expert*innen einbeziehen
  • “anonymes Sprachrohr”
  • Verhalten spiegeln/ Gedankenexperiment: Rollen durchspielen
  • Selbstreflektion: eigene Privilegien, Rolle, Verhalten, Dominanzen, Biografiearbeit,… checken > inwiefern wirkt das ausschließend? 
  • FLTI*- Plenum/ Männer*- Reflektionsplenum/ kritische Männlichkeit
  • Awareness-Team (bei Veranstaltungen)

Privates / Politisches ( Wird das getrennt gedacht? Was heißt das für einzelne Personen? Gibt es ein Bewusstsein für verschiedene Lebensrealitäten (Mitdenken von Kindern, Lohnarbeit,…)? )

  • Beobachtung von privatem Zusammensein der Gruppe im Plenum thematisieren/ Plenumstop “Privat/Politisch”: was bedeuten die Räume für uns, wie werden sie getrennt
  • gemeinsamen Abend nach dem Plenum im Plenum besprechen: wo, wie, was, wann können alle dabei sein und sich wohl fühlen
  • Emo Plenum, “Is was?”-Runde

 

Leben Schützen! Abtreibung legalisieren! Weg mit §218!

Für das Recht auf Abtreibung! – Gegen christlichen Fundamentalismus!

Seit einigen Jahren treffen sich selbsternannte “Lebensschützer” – unter anderem bestehend aus rechts-konservativen und christlich- fundamentalistischen Personen – in Annaberg-Buchholz um mit einem “Schweigemarsch für das Leben” die ausnahmslose Illegalisierung von Abtreibung und Sterbehilfe zu fordern. Diese Demonstration wird natürlich nicht ohne feministischen Gegenprotest ablaufen. Das Bündnis pro choice Sachsen organisiert auch dieses Jahr wieder eine Demonstration vor Ort. Also kommt am 12. Juni 2017 mit nach Annaberg-Buchholz um für das Recht auf Abtreibung und körperliche Selbstbestimmung zu demonstrieren!

Ab Ende April wird es in Dresden zahlreiche Info- und Mobiveranstaltungen zum Thema geben: http://schweigemarsch-stoppen.de/termine-und-anreise/termine

Tickets für die Busanreise könnt ihr in Dresden im “Buchladen König-Kurt” und im “PlatzDa” erwerben.

get organized now – Antifaschistischer Jugendkongress in Chemnitz

Antifa. Soziale Kämpfe. Utopie…

Vom 20.-23. April findet wieder ein Antifaschistischer Jugendkongress im AJZ in Chemnitz statt.

Unter anderem gibt es zahlreiche workshops und Vorträge zu Themen wie: Antifa und Feminismus,
“Mein Körper gehört mir!” – zur Stärkung der eigenen Grenzen und (sexuellen) Grenzüberschreitungen und “Bewusstsein, Rausch, Reflexion – be aware!”

weitere Infos auf: https://timetoact.noblogs.org/

Rückblick 03.05.2016 Aktionsformen

Was sind eigentlich feministische Aktionsformen und wie kann man sie umsetzen?

Um diese Fragen drehte sich unsere zweite Veranstaltung am 03.05. im AZ Conni. In Form eines Workshops wollten wir mit Euch diskutieren, wie denn einefeministische Aktion auszusehen kann und was alles so dazugehört.(Schon am Anfang überraschte uns die große Anzahl an interessierten Menschen.) Es ging dann erst mal mit einer längeren Input-Phase los, um Euch die Bandbreitean Aktionsformen möglichst vielseitig vorstellen zu können. Wir spazierten mit Euch durch die einzelnen Stationen, dabei wurde getrunken,geplaudert, gegessen und diskutiert. Wärend diesem lockeren Zusammensein, sammelten wir nebenbei viele Kriterien fürfeministische Aktionen, die sowohl innerhalb der Gruppe (, die eine Aktionplant,) als auch nach Außen hin für uns wichtig sind. Ob Massenaktionen, Klandestinaktionen oder Performances – Eure zahlreichen Ideenhaben uns sehr motiviert und inspiriert, in Dresden und Umgebung neue Aktzentezu setzen.

Wir waren sehr erfreut darüber, so viele (neue) Menschen im AZ Conni zu sehenund danken Euch für Eure Kreativität uns Diskussionsfreude. – Ihr wart richtigKlasse!

Bis zum nächsten mal,
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